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Warum muss das Pferd Bewegung erst lernen?

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Den Reiter und das Pferd getrennt voneinander zu beschreiben, fällt schwer. Ist doch die gemeinsame Entwicklung sehr stark miteinander verwoben.

Den vielleicht gemeinsamen Traum des Fluchtieres Pferd von Freiheit, Weite und Bewegung findet nur noch für wenige freilebende Exemplare statt.

Die Ursprünglichkeit einer „natürlichen“ Bewegung ist einer kontrollierten, eingeschränkten und zeitlich bemessenen Bewegung des Reiters zwischen Offenstall, Box, wenigen Quadratmeter grünem Grases, Reithalle und dem Zusammensein mit dem Menschen gewichen.

Nach den Epochen in denen das Pferd für Kriege, Arbeiten in der Landwirtschaft und als Fortbewegungsmittel gebraucht wurde, hat sich der moderne Mensch oder besser gesagt der Reiter noch in keinster Weise für eine Richtung für das Pferd entschieden. Was sehr deutlich wird, in der Art und Weise wie der Reiter mit dem Pferd umgeht.

Zwischen Dominieren und Kuscheln, Ausbildung und Verwildern, Strenge und Liebe, Schlaffer Körperhaltung und Versammlung, Vernachlässigung und Fürsorge ist alles dabei.

Alles – außer der leisen Forderung des Pferdes nach seiner Körperlichkeit. Wenn wir in der Evolution nachblättern, hat die Entstehung des Pferdeähnlichen Equs mit der Wirbelkette angefangen. Wie beweglich die Wirbelkette des Pferdes immer noch sein sollte sehen wir bei Fohlen und Jungtieren…..

Wenn wir als Reiter dem Pferd diese einzige Forderung nach einer Wirbelkette, die beweglich sein darf erfüllen, und – sobald wir auf dem Pferd Platz nehmen, diese Forderung auch an uns stellen, wird das Pferd sicherlich allen Wünschen des Menschen auch ohne Hilfsmittel und Gewalt gerne gerecht werden.

Unter diesem Aspekt wird es auch ganz einfach, die unzähligen Hilfsmittel zu bewerten, die der Mensch erfunden hat, um das Pferd fügsam zu machen. Das einzige Kriterium sollte sein, ob, und in welchen Umfang es der Wirbelkette den gesunderhaltenden Spielraum zulässt.

Wenn das Hilfsmittel die körperliche Forderung nicht erfüllt, sollten wir als verantwortungsvoller Reiter die Finger davon lassen, und uns vielleicht noch mal vergegenwärtigen das die bewegliche Wirbelkette das Pferd zu dem gemacht hat, was es ist – ein Flucht – und Bewegungstier.

Warum muss das Pferd „Bewegung“ erst lernen?

Weil sich das natürliche, nicht durch menschliche Einflüsse gestörte und nicht andressierte Bewegungsverhalten von Pferden in ihrer angestammten Umwelt, sich sehr massiv unterscheidet zu dem Bewegungsverhalten eines Pferdes, das in der Obhut des Menschen aufgewachsen ist. Auch unter besten Voraussetzungen, von denen wir jetzt mal ausgehen, sind Rückenbeschwerden und Gliedmaßenerkrankungen ein Massenphänomen.

 Warum?

Die Form ihrer Wirbelkette  macht Pferde zu Bewegungskünstlern – sie können schnell laufen, verhalten laufen, springen – sie sind ausdauernd, dynamisch und kraftvoll.

Aber wir muten dem Bewegungsapparat etwas zu, für das er aus der Sicht der Evolution nicht geschaffen wurde: Untätigkeit und das Gewicht des Menschen.

 

ALFRED DE DREUX (French, 1810 - 1860)
ALFRED DE DREUX (French, 1810 – 1860) Auf diesem Gemälde kann man sehr gut das festgehaltene Kreuzbein und das angespannte Nackenband sehen, mit dem das Pferd seine Muskulatur und sein Organismus in Fluchtverhalten brachte.

Das Kreuzbein – der Stabilisator!

Der Bewegungsmechanismus des Pferdes ist durch seine Evolution wunderbar auf das Pferd angelegt. Die fünf zusammengewachsenen Wirbel des Kreuzbeines kurz vor der Schweifrübe wirken als Stabilisator für die Tätigkeit, für die das wildlebende Pferd die meiste Zeit aufgebracht hat. – Fressen und dabei gemächlich herumwandern oder stehen und dösen.

Für eine Bedrohung in Form von wilden Tieren, Naturkatastrophen(Menschen) und dergleichen springt ein Mechanismus im Pferd an, der es binnen kürzester Zeit auf die höchste Achtsamkeitsstufe bringt. Diese Einrichtung bringt das Pferd binnen Sekundenbruchteilen vom Dösen auf „Achtung“ : Körperhaltung, Aufmerksamkeit, Wachheit, Kreislauf, Atmung, Gefäßsystem – alles ist in einem Alarmzustand und macht das Pferd fähig, schnell und zielgerecht zu reagieren.

Wenn die Gefahr vorbei ist, beruhigt sich der ganze Organismus langsam bis zum Ruhezustand, in dem wieder Kraft aufgetankt wird. Das ist die Entspannungshaltung.

 

 

Die Evolution – die Bewegung entstand in der Wirbelkette!

Seit Jahrmillionen von Jahren hat sich der Aufbau des Prinzips Wirbelkette kaum geändert, so erfolgreich ist der Bauplan der Zentralachse der

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Auch bei dieser Prezewalski Herde sieht man das sie, um flüchten zu können, „ohne Rücken“ laufen – Körperhaltung, Aufmerksamkeit, Wachheit, Kreislauf, Atmung und Gefäßsysteme sind in einem Alarmzustand und lassen es schnell reagieren.

Wirbeltiere (daher der Name).

Die Wirbel verliehen dem Körper im Vergleich zum simplen Stützstab mehr Stabilität und Beweglichkeit. Durch die Fortsätze an den Wirbeln konnten sich immer stärkere Muskelstränge an der Körperachse anheften, dadurch verbesserte sich die Kraftübertragung enorm.

Erst als die Lebewesen aus dem Wasser stiegen, reichte es nicht mehr, dass die Wirbelkette über die ganze Länge annähernd gleichmässig flexibel war. Sie musste sich an einigen Stellen versteifen (Kreuzbein) und an anderer Stelle beweglicher werden (Halswirbelsäule).

Als dann das Becken massiger wurde und sich mit der Wirbelkette verband, konnten die Wesen die Hinterbeine vom Boden stemmen. Die Trennung und zunehmende Entfernung von Schädel und Schulter verhinderte das die Stöße beim Aufsetzen der Vorderbeine direkt auf den Kopf einwirkten – das also der Kopf bei jedem Schritt erschüttert wurde. (Deshalb muss bis heute die Halswirbelsäule elastisch beweglich sein – und deshalb richtet das Pferd beim Flüchten den Hals/Kopf auf )

Das starke mächtige Nacken- und Rückenband verband die einzelnen Skelettteile zu einer funktionierenden sehr bewegungsfreudigen Einheit.

Das Lauf – und Fluchttier Pferd entstand.

Der Rücken in der Evolution

Was sehr interessant ist: Die Hals-Kopfformation gleicht immer die Funktionsweise der Gliedmaßen aus. Denn alle Tierklassen (einschließlich Mensch) haben die gleiche typische Anzahl von Rückenwirbeln, mit sieben Halswirbeln, und zwar ganz egal ob der Hals kurz ist (wie beim Delfin) oder lang ( wie bei der Giraffe)   Der Rücken mit seinen beweglichen Wirbeln ist damit eine uralte Konstruktion, die sich bestens bewährt hat. Er eignet sich für die Fortbewegung auf vier Beinen ebenso wie auf zwei.

In der Evolution bewirkte die Trennung von Schädel und Schulter, das die Stöße beim Aufsetzen der Vorderextremitäten direkt auf den Kopf und somit auf das empfindliche Gehirn einwirkten. – das also das Haupt bei jedem Schritt erschüttert wurde.   Und genau das ist die Aufgabe der Bandscheiben in der Wirbelkette. Zwischen jedem Wirbel der Wirbelkette liegt als natürlicher Stoßdämpfer, die Bandscheibe – die Aufgabe der Bandscheiben ist mit, die Erschütterungen auf das Gehirn abzufangen. Und das geht nur – wenn die Wirbelkette beweglich ist und die Bandscheiben durch die pumpende Bewegungen lebendig gehalten werden.

Die Natur hat diesen eingebauten Schutz bei jeder Tierart perfekt gelöst. Beim Gepard etwa, der mit seiner superbeweglichen Lendenwirbelkette und seinem kleinen Kopf pfeilschnell ist. Der Elefant, der einen relativ unbeweglichen Kopf mit ganz kurzem Hals hat, und deshalb erschütterungsfrei auf seinen Sohlen geht. Oder die Giraffe, die zu ihren sehr staksigen und sehr unrund laufenden Beinen einen langen Hals bekommen hat, der die Erschütterungen auffängt.

Das Pferd als allzeit bereites Fluchttier wurde ganz besonders raffiniert auf seine schnellen Bewegungen vorbereitet. Zusätzlich zu seinem langen Hals, der die Stöße der Bewegung auffangen kann, wurde die Halswirbelkette durch die Krümmung über dem Widerrist  noch schützend in den Brustkorb „vergraben“.

Je mehr Krümmungen ein Körper hat, desto besser können Stöße aufgefangen werden. (siehe Mensch)   Für ein Lebewesen ist instinktiv nichts so schlimm wie ein eingeschränkt arbeitendes Gehirn. Der Schutz des Kopfes hat deshalb uneingeschränkte Priorität.

Deshalb flieht ein Pferd immer mit erhobenem Kopf. Zwingt man dagegen das Pferd in der Bewegung den Kopf herunter zu nehmen, bekommt sein Kopf die ungehinderten Stöße ab. Aber es kommt noch schlimmer: die Schulterblätter sind nur durch Sehnen und Bänder am Brustkorb befestigt. Wird der lange Hebel Hals nun heruntergenommen sind die Vorderbeine in ihrer erschütterungsfreien Winkelung eingeschränkt und müssen sehr kräftezehrend über den Vorderarm bewegt werden. Die Vorderbeine werden hart auf den Boden aufgesetzt. Im Normalfall würde das Pferd nun über das Nackenband den Kopf hochreissen. Da das der Reiter aber verhindert, muss das Pferdehirn alle Schläge und Stöße der Bewegung ertragen.

Ein Leidensweg für den Körper beginnt, denn die von der Natur perfekt ausgeklügelte Statik ist vollkommen vom Menschen zerstört worden.

Lassen Sie ihr Pferd schwingen

Das BewegungsLernen lehrt das Pferd entspannt seinen Körper selbst zu kontrollieren. Es bildet durch neue Verschaltungen, neue Bewegungsmuster, mit denen sich das Pferd anatomisch auf den Menschen einstellen kann. Alte Bewegungsbahnen, die im Gehirn gebildet worden sind, können auf den Menschen umgeschrieben werden. Die neurobiologische Forschung hat uns dabei tatkräftig unterstützt, den die Wechselwirkung von Körper und Gehirn wird immer mehr erkannt.

Lesen Sie dazu von Michael Schäfer

Die ganze Haustierhaltung ist, je wörtlicher man sie praktiziert, ist eine stufenweise graduierte Einschränkung sämtlicher Lebensbereiche unserer Pferde und ruft manchmal wohl dieselben Qualen und Psychosen hervor wie eine Gefangenschaft des Menschen, die auch von der Zelle bis zum Leben in Großstadtschluchten abgestuft sein kann.

Ich glaube, dass einer der Kardinalfehler unserer ganzen Einstellung gegenüber dem Pferde darin liegt, dass wir uns im Allgemeinen viel zu wenig klar machen, dass Tiere an sich nicht dazu erschaffen sind, zum Beispiel einen Reiter zu tragen, Trabrennen zu laufen oder schwere Lasten zu ziehen, auch wenn sie speziell dazu gezüchtet wurden. Ein Pferd reagiert nur nach unterschiedlich zeitaufwendigem und wiederholtem Einüben oder unter mehr oder weniger stark angewandtem Zwang so, dass es uns sinnvoll und nützlich erscheint, denn für das Pferd selbst sind das Tragen des Reiters, das Aufheben lassen eines Hufes und fast alle anderen von ihm verlangten Dinge ebenso völlig sinnlos und an sich unverständlich, wie etwa die Rationierung der Rauhfuttermenge, damit es schön schlank bleibt.

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