Ohne das Herz funktioniert kein Körper. Ohne das Zwerchfell ebenso wenig – nur merkt man es später. In der klassischen Anatomie wird es vor allem als Muskel fürs Ein- und Ausatmen beschrieben. Damit ist seine wichtigste Rolle noch gar nicht genannt.
Das Zwerchfell schlägt rund 45.000 Mal am Tag. Die Hälfte davon beim Einatmen, die Hälfte beim Ausatmen. Es könnte in dieser Zeit den ganzen Körper bewegen: Knochen, Gelenke, Muskeln, Sehnen, Faszien – und die Organe gleich mit. Vom Zentrum aus bis in Becken, Hüfte, Knie, Füße, bis in Hals und Kopf.
In den meisten Körpern passiert das nicht. Verspannungen, Fehlhaltungen, alte Verletzungen oder ein blockiertes Atemmuster verhindern es. Das Potenzial liegt brach – 45.000 Mal am Tag.
Auch der Ursprung einer Handbewegung.
An den Wirbeln liegen sechs Muskelschichten übereinander. Sie reichen unterschiedlich tief, verzweigen sich, überlagern einander und vernetzen das Skelett – über kurze wie über große Distanzen, in alle Richtungen. Von dort aus läuft die Bewegung nach außen. Erst in letzter Instanz kommt sie bei den großen, sichtbaren Muskeln an.
Das heißt: Die Ursprungsbewegung eines Beines liegt nicht im Bein. Und die einer Hand nicht in der Hand. Beide beginnen in der Tiefe der Wirbelkette.
Und genau dort setzt das Zwerchfell an: an den Brustwirbeln, den Lendenwirbeln und am Brustbein. Es ist an denselben Punkten verankert, an denen das Zentrum der Wirbelkette mit seinen Muskelschichten seinen Ursprung hat. Das ist kein Zufall – und es ist der Grund, warum diese beiden Systeme zusammen betrachtet werden müssen.
Nicht von einer Säule. Eine Säule trägt, indem sie steht. Eine Kette trägt, indem sie sich bewegt.
Bei uns wird die Wirbelsäule fast immer als schwach, anfällig und zerbrechlich dargestellt. Die Folge: Sie wird vorschnell stabilisiert, geschont, in Haltung gebracht – und verliert dabei genau die Bewegung, die sie stark macht. Ein Körper, dem man die Beweglichkeit nimmt, wird tatsächlich anfälliger. Ein Kreislauf, der sich unterbrechen lässt.
Tatsächlich ist die Wirbelkette ein hocheffizientes mechanisches Meisterwerk: Steuerzentrale der Bewegung, kraftübertragend, energieverteilend, stoßdämpfend, stabilisierend ohne Starrheit. Vermittler zwischen innen – Organen und Nervensystem – und außen. Sie ist dafür gemacht, sich zu bewegen und zu übertragen. Nicht dafür, stillgehalten zu werden.
Dazu kommt: Sie umschließt das zentrale Nervensystem und bildet die Durchgänge für alle Nervenbahnen, die den Körper durchziehen.
Ein hochgezogener Brustkorb. Ein festgehaltener Bauchraum. Ein Bereich, der im Stand oder in der Bewegung dauerhaft gestellt ist. Schon das genügt, um das Zwerchfell zu blockieren.
Dann kann es weder seine volle Atembewegung entfalten noch die Bewegung auf die Organe übertragen noch die Koordination mit den Gelenken sicherstellen. Der Körper holt sich trotzdem Luft – aber unter permanenter Spannung. Die blockiert den Brustkorb, komprimiert den Bauchraum und spiegelt sich im ganzen System.
Jede Muskelschicht an den Wirbeln profitiert von der anderen – und jede kann die andere blockieren. Es entsteht, was man kybernetischen Lärm nennt: Wie bei einem Auffahrunfall auf der Autobahn gerät das System ins Stocken. Nicht mit großer Wucht. Aber steter Tropfen höhlt den Stein.
Und wie im Straßenverkehr gilt: Mehr Druck löst den Stau nicht, er verschlimmert ihn.
Warum Loslassen allein nicht funktioniert.
Wenn du eine Tasse loslässt, fällt sie. Halten bedeutet Sicherheit – und wenn ich dich dazu bringe, die Hand zu öffnen, entsteht im ersten Moment Unsicherheit. Deinem Körper geht es genauso. Sollen Muskeln plötzlich loslassen, entsteht zuerst das Gefühl zu fallen. Das Nervensystem reagiert darauf mit Schutzspannung – oft stärker als vorher.
Eine aufrechte, funktionelle Ausrichtung. Zentrierte Gelenke. Eine innere Ordnung, auf die sich das Nervensystem verlassen kann. Struktur ist nicht Spannung: Ein strukturierter Körper steht nicht unter Spannung, sondern auf sich selbst.
Erst wenn Struktur da ist, kann der Körper Raum zulassen, ohne zu kollabieren. Gelenke gewinnen Freiheit, Muskeln müssen nicht mehr halten, Faszien beginnen zu gleiten. Deshalb gefällt mir „Raum geben“ besser als „loslassen“.
Struktur geben, Raum geben, wieder Struktur, wieder Raum. So lernt der Körper, Raum innerhalb von Stabilität zu halten – auch in Bewegung. Zu viel Raum ohne Struktur wird instabil. Zu viel Struktur ohne Raum wird starr.
Ziel ist deshalb keine feste Position, sondern eine dynamische innere Ordnung, in der dein Körper jederzeit selbst regulieren kann. Er fragt fortlaufend: Wo brauche ich mehr Struktur? Wo darf mehr Raum entstehen?
Ein Wort, das ich nur mit Vorsicht verwende. Denn wenn ein Muskel als verkürzt gilt, suchen wir automatisch die Lösung im Dehnen und Verlängern.
Meist ist er aber gar nicht zu kurz. Er ist nur nicht im Bewegungsablauf eingebunden – und der Grund dafür liegt oft weit entfernt vom betroffenen Bereich.
Unsere Aufgabe ist dann nicht, ihn zu dehnen, sondern ihn wieder ins Ganze einzubinden. So lösen wir das Thema am Ursprung statt am Ergebnis.
Faszien sind kein passives Bindegewebe. Sie umhüllen Muskeln, Knochen und Gefäße – und ebenso das Rückenmark, die Nervenbahnen und die Spinalnerven. Nerven verlaufen innerhalb faszialer Hüllen, die selbst Teil des Netzwerks sind.
Die viszeralen Faszien umhüllen jedes Organ, verbinden die Organe dreidimensional und koppeln sie an Muskeln und Skelett. Sie sind der Grund, warum Nieren, Leber und Milz an ihrem Platz bleiben, ob du sitzt, stehst, liegst oder läufst. Und das Zwerchfell ist dabei die zentrale bewegende Instanz.
Im Bewegungsapparat merkst du sofort, wenn etwas nicht stimmt: Spannung, Druck, Schmerz. Bei den Organen sind die Auswirkungen subtil. Spürbare Effekte zeigen sich oft erst nach mehrmaliger Wiederholung – und selbst dann nur fein. Deshalb wird die Arbeit daran schnell wieder verworfen.
Das Zwerchfell zeigt Themen dagegen früh. Sobald in einem Bereich der Bezug fehlt, verändert sich seine Bewegung: Es stoppt kurz, beschleunigt plötzlich, wird asymmetrisch. Das sind klare Hinweise – auch dort, wo noch niemand etwas bemerkt hat.
Nicht alles, was repariert wird, war jemals harmonisch organisiert. Eine Reparatur bringt den Körper zu einem Zustand zurück. Integration schafft einen neuen – weil der ganze Körper einbezogen wird.
Nach einem Eingriff weiß das Nervensystem oft nicht, wie es mit der neuen Situation umgehen soll. Der Körper braucht dann einen Neustart, nachdem ein neues Programm eingespielt wurde. Und er braucht ein vollständiges Bild von sich selbst – keine Puzzleteile.
Du bist sicher schon einmal Aufzug gefahren. Du steigst ein, drückst auf den Knopf – und wirst bewegt. Du tust nichts.
Genau so fühlt es sich an. Du bewegst dich nicht aktiv in eine Richtung, sondern du wirst bewegt. Dein Körper bewegt dich, und der Rest passiert von selbst. Es ist die Harmonie in der Harmonie.
Der Fachbegriff dafür ist Tensegrität – ein Wort aus dem Brückenbau. In Qigong, Taiji und der chinesischen Bewegungskunst wird dieses Prinzip allerdings seit Jahrhunderten genutzt, lange bevor es hier einen Namen bekam. Dort versteht man es nicht mit dem Verstand, sondern man spürt es.
Eine Brücke ist stabil, aber sie lebt nicht. Sie muss sich nicht drehen, nicht atmen, nicht gehen – und sie kann sich nicht selbst reparieren. Du kannst das. Nur ist es mit schrittweiser Arbeit verbunden.
Du kannst nur verbinden, was du kennst. Was du nicht bewusst ansteuern kannst, läuft bestenfalls mit – einsetzen kannst du es nicht.
Klarheit schafft Vertrauen.
Vertrauen schafft Sicherheit.
Sicherheit schafft Ruhe.
In dieser Ruhe kann der Körper sich selbst wahrnehmen und loslassen. Aus der Ruhe entstehen neue Bewegungsmöglichkeiten – und mit jeder neuen Möglichkeit wächst die Sicherheit weiter.
Mit Ordnung meine ich dabei keine Norm, sondern die individuelle Ordnung deines Körpers. Jeder Mensch hat durch seine Geschichte eine einzigartige funktionelle Ordnung. Es gibt kein allgemeingültiges „perfekt“, nur ein individuell optimales.
Es ist wie bei einer Renovierung: Erst nach dem Aufräumen erkennt man, was man eigentlich gestalten möchte.
Raum geben lässt sich nicht denken. Es muss körperlich erfahren werden.
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Im Zwei-Tage-Workshop Die Zwerchfellintegration ist Teil von „Reparier Dich nachhaltig“. In kleiner Gruppe, mit Zeit für jeden Einzelnen. Zur Workshopbeschreibung |
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Im Einzeltermin Ich arbeite auf der Liege mit der Zwerchfellintegration und speichere die neue Bewegung anschließend im Gehen. Danach bleiben wir vier Wochen in Kontakt. Ablauf und Preis |
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Von zu Hause aus Im Onlinekurs, in deinem Tempo – mit Skript, Videos und Übungsreihen zum Mitmachen. Zu den Onlinekursen |