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Die Biomotorik als Weg

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Gedanken zu den verschiedenen Lernmechanismen – das gemeinsame Ziel

Es wird uns irgendwann gelingen, das Pferd nicht als Geschöpf zu betrachten, das man manipulieren und verändern kann.
Dann – in diesem Moment werden wir mehr auch über unseren Körper erfahren, als uns das mechanische Reiten je vermitteln konnte.

Es ist wohl keine Frage, dass das Ausbildungs- und Erziehungssystem des Pferdes in einer Krise steckt. Meiner Meinung nach deshalb, weil der Mensch nach wie vor davon überzeugt ist, durch äußere Einwirkung und Aufbau von Muskelmasse, das Pferd und seinen Körper gestalten zu können. Aber körperliches Lernen bedeutet eben nicht nur neue Informationen von außen aufzunehmen – das ist nur ein kleiner Teil des körperlichen Lernens – und eigentlich kommt dieser Teil eher zur Finalisierung des Körpers, zum, nennen wir es mal „Feinschliff . Zu früh und ausschließlich endet er aber meistens in der körperlichen Unfähigkeit des Pferdes.

Die Biomotorik – der kleine Unterschied und seine Folgen

Körperliches Lernen dagegen bedeutet für das Pferd zu „lernen“, wie es  seinem eigenen Körper in jeder beliebigen Situation, bei den verschiedensten Bodenverhältnissen, Anforderungen und Herausforderungen(z.B. dem Menschen auf seinem Rücken) vertrauen kann. Für den Menschen bedeutet das ein Umdenken – denn gegenwärtig sind wir im Lernsystem der operativen Koordinierung gefangen, die ganz andere „Lernerfolge“ erzielen möchte. Ganz grob gesagt, sind sieauf das Prinzip von Strafe und Belohnung aufgebaut. Das bedeutet aber auch dass EINER straft und belohnt – und einer gestraft und belohnt WIRD. Also eine ganz klare Rollenverteilung. Damit will der Mensch, den Pferdekörper über Muskelmasse und Kraft stärken, um – eine Leistung auszuführen.

Das Umdenken ist für den Menschen nicht ganz einfach, denn die alten Regeln, denen man jahrelang  gefolgt ist, gelten einfach nicht mehr – ganz einfach weil die Welt sich viel zu schnell ändert und wir uns – aber auch die uns umgebenden Lebewesen daran anpassen müssen. Das Umdenken besteht darin, dem Pferd dabei zu helfen, die nötigen Fähigkeiten zu erwerben, die es braucht, um seinem Körper zu vertrauen – und dem Pferd damit den Umgang mit dem Menschen zu erleichtern. Um dem „Lernen“ eine Wendung zu geben, müssen Reiter sich nicht weiter als Reitexperten verstehen, sondern dem Pferd lediglich Hilfestellungen im körperlichen Lernen geben – auch um es irgendwann reiten zu können, wie wir es zum Beispiel mit dem biomotorischen Training praktizieren können.

Wir sollten uns vergegenwärtigen, dass das Pferd uns mit seinen vielfältigen und sehr ausgeprägten, feinen Sinnen wahrnimmt – und wir mechanisch und sogar noch mit körperlichem Druck im Genick antworten– das kann doch nur zu Verständigungsproblemen führen. Und zwar auf beiden Seiten.

Das heißt, das wir versuchen den Körper des Pferdes so zu kontrollieren, damit er von uns Informationen, Befehle, „Hilfen“ und Konditionierungen aufnimmt, die schon versteinert sind, bevor sie vielleicht in die vorhandenen Bewegungen des Pferdes integriert werden können. Wir blasen leere Muskeln (weil sie keine Vernetzung mit und über den Körper haben)über Kraft auf, die den Körper eher an biomotorischen (vernetzten) Bewegungen hindern.

Eigentlich wissen wir ja ganz instinktiv, wie unterschiedlich Pferde das „ Lernen“ aufnehmen, wenn wir sie dann aber trotzdem nach einer mechanischen Formel „bearbeiten“, merken wir nicht mehr, dass genau dieser Unterschied darüber entscheidet, ob das Pferd seine Schwierigkeiten in dem Umgang mit dem Menschen meistern kann oder der Mensch vielleicht sogar „mit aller Gewalt“ an seinen Schwächen weiter arbeiten wird. Aber wir haben uns ja selber an dieses System gewöhnt,  wir sind ja quasi da rein gewachsen und vielleicht selber danach ausgebildet worden.

Lernen ist Erfahrung. Alles andere ist einfach nur Information Albert Einstein

In den klassischen Trainings- und Ausbildungslehren wird so wohl bei „Lerntherapien“ wie auch im sportlichen Training über Biomechanik, also über den Aufbau von Muskelmasse geschult. Möglicherweise liegt hier auch die Problematik in unserem Bewegungs- und Gesundheitsverhaltens, das der Körper kein eigenes Bewegungserlebnis über die Vernetzung des Körpers mehr bekommt. Sowohl Medizin wie auch der Sport meinen, über das einseitige Beibring-Lernen der Biomechanik alles fest im Griff zu haben. In der Theorie natürlich meistens richtig, und deshalb nicht angreifbar – insbesondere daher, da eine ständige Erweiterung dieses Wissens ein her geht. Problematisch wird es in der Umsetzung, denn da zeigen sich die Fallstricke des Beibring-Lernens – wenn man in der Theorie noch weiss was getan werden muss – ändert sich das in der Praxis sehr schnell.

Denn das Beibring-Lernen mit seiner Biomechanik verlangt vom „Ausbilder“ besondere Fähigkeiten – und von diesen Fähigkeiten ist der Erfolg des Lernenden abhängig(Beispiel: das Pferd wird nur so gut wie der Reiter ist – schlecht läuft es für das Pferd, wenn der Reiter nicht „gut“ ist – was immer das bedeuten mag). Als „Vorbilder“ dienen uns dazu grosse Meister, mit herausragenden Fähigkeiten oder auch einfach nur „erfolgreiche“ Menschen, denen wir eifrig nacheifern. Also wird trainiert, studiert, gelernt – um wenigstens ein kleines bisschen so wie diese besonderen Menschen zu werden.

Dumm nur – Fähigkeiten kann man nicht lernen, man kann sie weder vererben noch weitergeben und leider auch nicht lehren. Wenn das ginge, hätten wir lauter kleine Rembrandts oder Mozarts oder Guérinières. Und auch die Schüler dieser herausragenden Menschen mit ihren besonderen Fähigkeiten sind erst dann in Erscheinung getreten, wenn sie mit eigenen Lernerfahrungen, bei denen sie VIELLEICHT die Denkweise der „Meister“ unterstützt hat, selber ihr „eigenes Ding“ gemacht haben. VIELLEICHT war aber auch das Gegenteil der Fall – und sie haben sich von ihrem „Meister“ abgegrenzt – auch das hat wiederum eigene Denkprozesse in Gang gesetzt – worauf die „ehemaligen“ Schüler so zu „Meistern“ geworden sind. Ein „Meister“, der eigenen Gedanken oder des eigenen Körpers- und nicht ein schlechterer Abklatsch.

Das operante Konditionieren

Das operante Konditionieren ist  das Lernen der Gegenwart – aber was versteht man darunter? Ganz strikt ausgedrückt: man beeinflusst ein Verhalten eines anderen Lebewesens, indem man auf sein Verhalten reagiert. Beim operanten Konditionieren lernen Menschen und Tiere bestimmte Verhaltensweisen, weil sie dafür positive oder negative Reaktionen der Umwelt erhalten. Das operante Konditionieren bestimmt damit unser Leben schon von klein auf. Wir bekommen ein Lob oder werden geschimpft. Wir bekommen Noten, Lohn oder Gehalt für unsere Leistungen – und wir machen alles, damit wir gute Noten, Lohn oder Gehalt etc.(beliebig weiterzuführen) bekommen. Aber eben nicht für den Körper.

Dazu am besten ein Beispiel:  Ein Pferd zeigt auf Anforderung des Menschen ein bestimmtes Verhalten (z.B. nimmt es den Kopf herunter) Je nach Reaktion des Menschen, wird das Pferd dieses Verhalten zukünftig häufiger oder weniger häufig oder bei einer negativen Reaktion gar nicht mehr zeigen. Ein bestimmtes Bewegungsverhalten verknüpft das Pferd also mit einer bestimmten Konsequenz des Menschen.

Auftretende Probleme im Beibring-Lernen

Sie ahnen es bereits – dabei können die verschiedensten Probleme entstehen: ist die Anforderung des Menschen sehr undeutlich, weil er vielleicht auch unsicher ist, und somit für das Pferd nicht klar lesbar ist (wie oft entstehen bei uns Menschen Kommunikationsprobleme durch sprachliche „Anforderungen“  – denken Sie nur mal an die Beschreibung eines Weges).

Aber ein wesentlich langfristiger Effekt ist, dass der Körper so beschäftigt ist die Informationen „von außen“ wahrzunehmen, dass die Eigenwahrnehmung immer mehr runter gefahren wird. Der Effekt: das Pferd wird „hilflos“ – es ist ja darauf konditioniert worden, Befehle zu empfangen.  Und da es ja immer wieder eine „Verstärkung“ bekommt – fällt dem Pferd das gar nicht auf. Im Gegenteil – sein genetisches Herdenverhalten sagt ihm ja, dass es sich einer „Autorität“ fügen muss. Deshalb fällt es dem Menschen auch wesentlich leichter, Lebewesen zu „erziehen“ die ein ausgeprägtes Herden- oder Sozialverhalten haben.

Weitaus dramatischer sind die Körperprozesse im inneren: Mit dieser Lernmethode sind wir ja in der Biomechanik des Körpers – Bewegungs- oder eben auch Denkprozesse werden mechanisch verändert – also von außen. Also sind auch wir mitten drin in der Willkürmotorik – im bewussten, peripheren  Nervensystem, das willentliche Informationen verarbeitet – wessen Willen das ist, ist diesem Nervensystem egal.

Unpraktisch sagen Sie? Nein, nichts was die durch den Filter der Evolution gekommen ist, ist „unpraktisch“. Vielleicht in unserer heutigen Zeit falsch angewendet –  aber immerhin haben die  Überforderungen der Willkürmotorik die Lebewesen auch weiter gebracht. Die Willkürmotorik  erlaubt, über die eingebaute Schutzfunktion des Körpers – über den „safen“ Bereich – hinwegzugehen. Stellen Sie sich nur mal vor – der Körper einer unserer Vorfahren fährt alle Aggregate runter, weil er „überhitzt“ ist während er auf der Flucht vor einer Raubkatze ist – das Ende wäre absehbar.

Durch diese eingebaute „Nische“ im Körper war und ist es den Körpern möglich „über die Uhr“ zu gehen, sich zu überlasten und aus dieser Überlastung stärker zu werden und – Kraft aufzubauen. Das war eine Überlebensstrategie des Körpers um auch in unwirtlichen Gegenden zu überleben. Daraus haben sich Rassen geformt – mit ihren regional ausgeprägten Besonderheiten.

Das hat die Natur nicht bedacht

Womit die Natur allerdings nicht gerechnet hatte, dass der Mensch in der Willkürmotorik hängenbleibt. Das wäre aus ökonomischen Gründen undenkbar gewesen, denn Muskeln und Kraft muss ernährt werden – in „dürren“ Zeiten war der Körper deshalb froh, dass er auf das „sparsame“ natürliche Bewegungsverhalten zurückgreifen konnte. Auf der Grundlage der unbewussten Motorik – der Biomotorik, also der Eigenwahrnehmung des Körpers – die ja den „safen“ Bereich, die eingebaute Schutzfunktion des Körpers darstellt, ist die Willkürmotorik nach wie vor eine feine Sache. Nur damit ist eine Bewegungsentwicklung möglich – also ein Lernen von eigenen Bewegungen – ein eigenes Bewegungserlebnis, auf Grundlage des eigenen Körpers und ohne Schädigung und Überlastung.

Aber kehren wir mal zu unserem Pferd zurück, das vom Menschen „gelernt“ bekommen hat, den Kopf hinunter zu nehmen. Aufgrund der Auswirkungen dieses Verhaltens verändern sich seine Bewegungen und werden wegen der Reaktionen des Menschen in sein Verhaltensrepertoire aufgenommen und übernommen. Im Körper sind Tür und Tor geöffnet für Überlastungen, Verletzungsanfälligkeiten etc. – denn der Pferdekörper hört nicht mehr in sich rein -viele kleine bedeutungslose Faktoren können sogar zu einem Zusammenbruch des ganzen Körpersystems führen.

Verhalten wird als Instrument eingesetzt

Das Pferd wird nicht mehr als eigenständiges Lebewesen angesehen, sondern als reaktives, passives Wesen, dessen Bewegungsverhalten durch Manipulation und Beeinflussung der Konsequenzen (Belohnung/Bestrafung/Freude/ Unzufriedenheit/Erfolg) kontrollierbar und dadurch veränderbar ist. Der Mensch gewinnt Kontrolle über das Verhalten des Pferdes.

Wiederholungen von kontrollierten Bewegungsabläufen – wie das Einstudieren von Lektionen – verstärkt die Kontrolle über das Pferd, da das Pferd ja keine positive Bestärkung erfährt ( es muss annehmen, dass es etwas nicht gut gemacht hat, sonst müsste es ja nicht wiederholen. Dabei wird es von Mal zu Mal schlechter und unkonzentrierter – Auch die „Hilfen“ des Menschen werden „aufgeweichter“. Am Ende einer Serie von Wiederholungen steht die negative Verstärkung – bei beiden die Unzufriedenheit. Der Mensch hat seine Kontrolle weiter ausgebaut.

Derselbe Effekt entsteht übrigens mit „nett verpackten“ sogenannten „Spielen“ für das Pferd. Auch das verstärkt sich letztendlich nur die Kontrolle über das Pferd – denn in wirklichen Spiele wird der Körper nicht „bespielt“ und sind nicht zweckgebunden – in wirklichen Spielen kann der Körper selbst entscheiden und – im Spiel wird niemals zweimal dasselbe gemacht – es gibt keine wiederholenden Vorgänge.

Instrumentelles Lernen – Lernen mit „Unterstützung“

Der Mensch setzt dabei seine eigenes Verhalten und seine Fähigkeiten (s.o) ein, um ein bestimmtes, gewünschtes Verhalten beim Pferd zu erzeugen. Das Instrument – also Verhalten, Fähigkeiten, Lob, „Hilfen“, Futtergaben aber auch Zwangsmittel (beim Menschen Lohn, Gehalt, Noten, Beförderung) werden als Mittel und Instrument der eigenen Befriedigung des Ausbilders eingesetzt – und manipuliert auf diese Weise das Verhalten des „Untergebenen“.

Dabei gilt es als erwiesen, dass auch positive Verstärkungen wie Lob, Belohnungen, Lohn etc. keinen Einfluss auf bessere Anstrengungen, Leistungen usw haben. Kann aus dem körperlichen Verständnis heraus auch garnicht sein – ein eigenes Wohlgefühl kann nur aus eigenen Bewegungserlebnissen entstehen. (beim Menschen idealistische Handlungen, aber auch Hobbies etc)

Interessant ist dabei, dass wir Menschen so viel Energie in das Erziehen anderer Geschöpfe (Kinder!) investieren und das „Lernverhalten“ dieser Geschöpfe durch „Hilfsmittel“ optimieren wollen – die uns helfen, den Körper des anderen zu verformen. Das dabei aber vergessen – oder verdrängt wird, dass unser Körper – genauso wie der Körper des Pferdes  zum Leben  ebenso konsequent einem biologischen Gleichgewicht unterstellt ist. Jeder Eingriff – jedes Zuwiderhandeln stört dieses biologische Gleichgewicht. Das kommt dabei raus, wenn der Mensch denkt, er könne einer anderen Spezies ihren eigenen Körper und dessen Funktion am besten erklären.

Die vermeintliche Herrschaft über das Pferd – die Auswirkungen

In dem vermeintlichen Glauben, je besser die eigenen Fähigkeiten – desto besser kann man auch konditionieren, wird trainiert, geübt, gelernt und verbessert um immer „besser“ zu werden. Und fast unbemerkt, rutscht auch der „Lehrende“ in seine Willkürmotorik. Aber, wie oben beschrieben, sind Fähigkeiten nicht reproduzierbar. Wir lernen also „nur“ zu erkennen, was der andere kann, und sehen bei uns selber, was in uns fehlt, um gut zu sein. Wir wollen die Eigenschaften, die „fehlen“ auffüllen mit den Fähigkeiten anderer. Und genau in dem Moment, sind wir für das Pferd nicht mehr authentisch – nicht mehr lesbar.

Und so verspielen wir die größte Gabe die der Mensch hat, und die uns von einem Roboter unterscheidet – die Sensorik und die Fähigkeit sich und andere wahr zu nehmen.

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